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Geschichte der Drogenhilfe in Deutschland

19. Jahrhundert: Die Anfänge: „Trinkerheilstätten“ und soziale Kontrolle
Die Wurzeln der Suchthilfe liegen im späten 19. Jahrhundert. Im Fokus stand zunächst die „Alkoholfrage“. Erste Einrichtungen, wie 1883 der Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke, entstanden. Es ging jedoch weniger um therapeutische Hilfe im heutigen Sinne, sondern oft um soziale Kontrolle, Disziplinierung und die Bewahrung der bürgerlichen Ordnung.

1960er-Jahre/1970er-Jahre als Wendepunkt: Sucht als Krankheit
Mit dem Aufkommen der Hippie-Bewegung und der ersten „Drogenwelle“ (insbesondere mit Heroin) wurde Drogenkonsum plötzlich zu einem Massenphänomen, wodurch die Gesellschaft Ende der 1960er Jahre an ihre Grenzen stieß. Die Reaktion war ein Paradigmenwechsel: 1968 erkannte das Bundessozialgericht Sucht offiziell als Krankheit an. Dies war der Startschuss für die Finanzierung von Therapien durch die Sozialversicherung. Daraufhin gründeten sich therapeutische Gemeinschaften, um drogenabhängigen Menschen zu helfen. Dabei sah man die Abstinenz noch als das einzige Ziel. Wer nicht aufhören konnte oder wollte, fiel durch das Raster.

1980er-Jahre/1990er-Jahre: Professionalisierung und „Harm Reduction“
Die Ausbreitung von HIV/AIDS veränderte alles. Es reichte nicht mehr Abstinenz zu fordern; das Überleben sichern wurde zentral. Spritzentauschprogramme und erste niedrigschwellige Anlaufstellen wurden etabliert. Es war die Geburtsstunde der „Harm Reduction“ (Schadensminimierung). In den 1990ern festigte sich der duale Ansatz: Therapie auf der einen, Überlebenshilfe auf der anderen Seite. 1991 wurde die Methadonsubstitution offiziell in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen und mit der Reform des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) und der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung wurde die Substitution endgültig aus der rechtlichen Grauzone geholt.
In den 1990er-Jahren entstand mit dem „Frankfurter Weg“ ein pragmatischer Ansatz der Drogenpolitik, der bundesweit als Vorbild für eine humane Drogenpolitik steht. Dieser setzte stärker auf Hilfe statt ausschließlich auf Repression. Grundlage waren vier Säulen: Prävention, Beratung und Therapie, Überlebenshilfe/Schadensminimierung sowie Repression.
Die ersten Drogenkonsumräume entstanden 1994 (oft noch in rechtlichen Grauzonen), um den Konsum von der Straße zu holen und Leben zu retten. Drogenkonsumräume bieten einen sicheren Konsum unter Aufsicht und unter hygienischen Bedingungen. Sie bieten in der Regel auch die Möglichkeit, sich zu duschen und sich zu waschen. Außerdem werden meist neben einer Kleiderkammer und einer Möglichkeit günstiges Essen und Trinken zu bekommen, auch eine medizinische Versorgung durch Pflegekräfte und allgemeine Beratung und Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen geboten.

Nach der Jahrtausendwende (ab 2000 bis heute): Akzeptierende Drogenhilfe und Substitution
Heute wird Sucht als chronische Erkrankung verstanden und die Drogenhilfe ist in Deutschland breit aufgestellt. Wir sprechen hier auch von einem multiprofessionellen Ansatz, der medizinische, soziale und psychosoziale Unterstützung sowie Selbsthilfe umfasst. Professionelle Hilfe in Form von Beratung, ambulanter Suchthilfe und stationäre Entwöhnung sind fest in das Gesundheitssystem integriert. Die Substitutionstherapie (z.B. mit Methadon) wurde flächendeckend eingeführt, um Drogenabhängigen eine stabile Basis zu ermöglichen und gesundheitliche Folgeschäden und Beschaffungskriminalität zu reduzieren.

Ein aktueller Trend sind Drug-Checking-Angebote und die Vergabe von Naloxon. Da immer mehr gefährliche synthetische Substanzen auftauchen, gewinnen Drug-Checking-Angebote immer mehr an Bedeutung. Sie bieten Konsumierenden von illegal erworbenen Substanzen die Möglichkeit, diese anonym und kostenlos chemisch analysieren zu lassen. Ziel ist es, Todesfälle zu verhindern, den Drogenmarkt zu beobachten und auch den Kontakt zur Szene zu bekommen (Stichwort „Safer Use“ und Prävention). Auch die Ausgabe von Naloxon als „Gegenmittel“ (Antagonist), das die Wirkung von Opioiden wie Heroin und Fentanyl im Körper sofort aufhebt und so bei einer Überdosierung  Leben retten kann, sind wirkungsvolle neue Maßnahmen der Drogenhilfe.

Fazit
Die Geschichte der Drogenhilfe zeigt eindrucksvoll, dass ein akzeptierender und gesundheitsorientierter Umgang mit Sucht langfristig der wirksamste Weg ist, Betroffenen zu helfen. Die Herausforderungen sind geblieben, nur die Vorgehensweisen und Substanzen haben sich verändert. Die Suchthilfe ist heute gefordert, flexibel auf diese neuen Gegebenheiten zu reagieren und passende, niedrigschwellige Hilfen anzubieten.

Eine erste Anlaufstelle für Betroffene und deren Angehörige bei Fragen rund um Sucht können die Suchtberatungsstellen vor Ort sein. Diese staatlich geförderten Beratungsstellen gibt es in jeder Stadt und in jedem Landkreis, sie sind oft getragen von Caritas, Diakonie, AWO oder dem Gesundheitsamt. Sie bieten kostenlos, zieloffen, vertraulich und auf Wunsch anonym Information und Unterstützung. Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis können mit unseren Beratungsstellen in Backnang, Schorndorf oder Waiblingen Kontakt aufnehmen.

Literatur- und Quellenverzeichnis:
  • Gerlach, R. & Stöver, H. (2012): Entstehung, Status quo und Perspektiven der Suchthilfe in Deutschland. In: Vom Junkie zum Patienten. Ein Standardwerk zur akzeptierenden Drogenarbeit.
  • Schmidt-Semisch, S. & Stöver, H. (Hrsg.) (2022): Suchtformen, Suchtdebatten, Suchtpolitik. Springer VS. (Aktueller Überblick über die sozialwissenschaftliche Debatte).
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Jahrbuch Sucht 2024. (Für aktuelle Zahlen und historische Einordnungen der letzten Jahre).
  • Stöver, H. (2002): Drogenhilfe als Überlebenshilfe. Ein historischer Rückblick auf die Pionierzeit der Schadensminimierung.

Link:  Drogenkonsumraum in Stuttgart eröffnet, SWR Aktuell:

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/drogenkonsumraum-eroeffnet-harte-drogen-sucht-suchthilfe-caritas-100.html


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